Wissenschaftliche Macht:
Die meisten Wissenschaftler reden meist bloß daher, sie wollen die Wahrheit über die Natur herausfinden. Was natürlich stimmt, doch das ist es nicht was sie antreibt. Kaum ein Mensch lässt sich von Abstraktionen wie die Suche nach der Wahrheit antreiben.
Was die Wissenschaftler wirklich antreibt ist der Drang, etwas zu erreichen.
Sie konzentrieren sich nur darauf, ob sie etwas tun können und stellen sich nie die Frage ob sie es tun sollten. Sie bezeichnen derartige Überlegungen als sinnlos, denn wenn sie die Forschungen nicht betreiben tut’s ein anderer. Denn die jeweilige Entdeckung erscheint so unausweichlich, dass sie versucht sind es einfach als erste zu tun. So sind die Spielregeln der Wissenschaft so lange es noch etwas zu entdecken gibt.
Seit etwa 400 Jahren gibt es die moderne Wissenschaft, und inzwischen sollten wir wissen, wozu sie gut ist und wozu nicht; es wäre wohl Zeit für eine Veränderung?!
Fast aller Arten von Gewinnung von Macht verlangen von dem, der sie will, beträchtliche Opfer und Anstrengungen. Da ist Lernen notwendig und langjährige Disziplin.
Wonach auch immer gesucht wird, es ist meist Zeit, Training und Anstrengung zu investieren, und sogar Entbehrungen in Kauf nehmen. Es muß einem schon sehr wichtig sein. Doch wenn diese Macht erreicht ist, gehört sie einem. Man kann sie nicht einfach so weitergeben, da sie in einem ist. Sie ist das Ergebnis von Disziplin. Diese Art von Macht besitzt meist einen eingebauten Kontrollmechanismus. Die Disziplin, die notwendig ist, um sie zu erreichen, verändert einen so dass man sie kaum missbrauchen wird.
Jedoch wissenschaftliche macht ist wie ererbter Reichtum: Man erreicht sie ohne Disziplin. Es wird einfach gelesen, was andere getan haben und macht den nächsten Schritt. Man kann das schon in einem relativ jungen Anfangsstadium tun. Man kann sehr schnell Fortschritte machen. Es ist keine jahrelange Disziplin notwendig. Und auch keine Meisterschaft. Alte Wissenschaftler, die einem nicht in den Kram passen, werden einfach ignoriert. Es gibt auch keine Demut vor der Natur. Es gibt nur die Philosophie des schnellen Erfolges, des sich-schnell-einen-Namen-Machens. Etwaiges Betrügen, Lügen, Verfälschen – meist schert sich kein Mensch darum. Kaum jemand wird das kritisieren. Kaum jemand hat dabei irgendwelche moralischen Bewertungsmaßstäbe. Alle versuchen das Gleich zu erreichen: Etwas Großes zu schaffen und das möglichst schnell.
Und weil man auf den Schultern von Riesen stehen kann, wird meist auch vieles schnell erreicht.
Vielleicht weiß man nicht einmal so genau, was es ist, doch es wird veröffentlicht, falls möglich sogar patentiert und verkauft.
Und der Käufer und Benutzer hat noch weniger Disziplin. Er erwirbt einfach Macht wie eine Ware. Der Käufer denkt überhaupt nicht daran, dass vielleicht Disziplin notwendig ist.
Kontrolle:
Das Bestreben alles zu kontrollieren, ist so eine typisch westliche Haltung, die etwa 500 Jahre alt ist. Die Sache begann zu der Zeit als Florenz die wichtigste Stadt der Welt war. Die Definition der Wissenschaft – als neue Sicht der Wirklichkeit, als objektive Methode, die unabhängig ist von Glauben oder Nationalität, als Ausdruck der menschlichen Vernunft - , diese Definition war damals neu und aufregend. Sie versprach eine neue Hoffnung für die Zukunft und fegte das jahrhundertealte mittelalterliche System hinweg. Die mittelalterliche Welt der Feudalherrschaft, der religiösen Dogmen und des abscheulichsten Aberglaubens musste der Wissenschaft weichen. Aber tatsächlich geschah das, weil das mittelalterliche System nicht mehr funktionierte. Es funktionierte ökonomisch und intellektuell nicht mehr, und es passte nicht zu der neuen Welt, die eben im Entstehen war.
Doch inzwischen ist die Wissenschaft ein jahrhundertealter Glauben. Und wie das mittelalterliche System davor, passt auch die Wissenschaft allmählich nicht mehr zu der Welt, wie sie ist. Die Wissenschaft hat inzwischen soviel Macht, dass die Grenzen ihres Funktionierens zutage treten. Vor allem dank der Wissenschaft leben Milliarden von uns in einer immer kleiner werdenden Welt, eng zusammengedrängt und voneinander abhängig.
Aber die Wissenschaft hilft uns nicht bei der Entscheidung, was wir mit dieser Welt tun, wie wir leben sollen. Die Wissenschaft kann einen Kernreaktor konstruieren, aber sie kann uns nicht sagen ihn nicht zu bauen. Die Wissenschaft kann ein Pestizid entwickeln, doch kann sie uns nicht vorschreiben, es nicht zu verwenden. Und wenn man allmählich den Eindruck bekommt, als sei die ganze Welt verseucht – das Wasser, die Luft, der Boden - , dann liegt das an dieser nicht beherrschbaren Wissenschaft. Zumindest soviel ist doch für jeden offensichtlich.
Gleichzeitig existiert die große intellektuelle Rechtfertigung der Wissenschaft nicht mehr. Schon seit Newton und Descartes verspricht die Wissenschaft uns die totale Kontrolle. Die Wissenschaft maßt sich schon beinahe die Macht an, irgendwann alles zu wissen, und zwar dank ihres Verständnisses der Naturgesetze.
Doch im zwanzigsten Jahrhundert ist diesem Anspruch jede Rechtfertigung entzogen worden. Zum einen setzt Heisenbergs Unschärferelation unserem potentiellen Wissen über die subatomare Welt Grenzen. Na und? sagen wir. Keiner von uns lebt in der subatomaren Welt. Das hat keine Auswirkungen auf unser alltägliches Leben. Zweitens setzt Gödels Theorem der Mathematik, der formalen Sprache der Wissenschaft also, ähnliche Grenzen. Die Mathematiker glaubten lange, ihre Sprache besitze eine gewisse inhärente Wahrheit, die sich von den Gesetzen der Logik herleitet.
Inzwischen wissen wir, dass das, was wir Vernunft nennen, etwas vollkommen Beliebiges ist. Nichts Besonderes und Einzigartiges, wie wir das immer glaubten.
Und damit noch nicht genug, beweist die Chaostheorie, dass die Unberechenbarkeit in unser gewöhnliches Leben quasi eingebaut ist. Sie ist so alltäglich wie das Unwetter, das wir nicht vorhersagen können. Diese drei Theorien haben der jahrhundertealten, großen Vision der Wissenschaft – dem Traum von der totalen Kontrolle – den Todesstoß versetzt. Sie haben damit der Wissenschaft die Rechtfertigung entzogen für das, was sie tut, und uns die Rechtfertigung, an die Wissenschaft zu glauben. Die Wissenschaft hat immer behauptet, dass sie vielleicht im Augenblick noch nicht alles weiß, dass sie aber irgendwann alles wissen wird.
Wir werden wohl bald feststellen, dass das so nicht stimmt. Ja in manchen Fällen ist das sogar eine leere Prahlerei. So töricht und irregeleitet wie ein Kind, das von einem Haus springt, weil es glaubt, es könne fliegen.
Wir werden auch bald die Zeugen sein für den Anfang vom Ende der wissenschaftlichen Ära. Die Wissenschaft zerstört sich wie alle überkommenen Systeme selbst. Je mehr Macht sie bekommt, desto unfähiger erweist sie sich, mit dieser Macht umzugehen. Weil jetzt alles immer schneller abläuft und noch laufen wird.
Vor etwa 60 Jahren war die ganze Welt aus dem Häuschen wegen der Nuklearwaffe.
Das war wirkliche Macht. Keiner konnte sich eine größere vorstellen. Doch wir werden noch größere und größere bekommen, und das wird jeden zwingen, sich genau die Frage zu stellen, welche die Wissenschaft nicht beantworten kann: Was soll ich mit meiner Macht tun?
Es wird also Veränderungen geben. Jeder wird sich fragen: wie wird das aussehen?
Jede größere Veränderung ist wie der Tod, man sieht die andere Seite erst, wenn man dort ist!
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